Bestände
Fundus: Der abgeschlossene Bestand enthält rund 5000 Arbeiten
von etwa 450 Patienten psychiatrischer Anstalten. Bei den Werken handelt
es sich überwiegend um Zeichnungen und Aquarelle, schriftliche Aufzeichnungen
wie Briefe, Notizen, Textentwürfe und Notationen sowie Bücher und
Hefte, vielfach selbstgefertigt; ferner Ölgemälde, textile Arbeiten,
Collagen und 70 Skulpturen aus Holz.
Entstehungszeit: um 1880 bis 1933; Hauptsammelzeit um 1919-22.
Autoren/Künstler: rund 450 Patientinnen und Patienten aller
Altersstufen, sozialer Schichten und Berufe. Nur 20% der Künstler
sind weiblich. Die Dauer der Internierung ist unterschiedlich, oft
bis zum Lebensende und teilweise wegen fehlender Krankenakten nicht
immer zu klären.
Entstehungsort: staatliche oder private Heil- und Pflegeanstalten
Deutschlands, aber auch der Schweiz, Österreichs, vereinzelt Italiens,
Frankreichs, Polens und Japans.
Sammlungsannexe: Ergänzend zum abgeschlossenen Bestand der
Sammlung Prinzhorn werden Dauerleihgaben und Schenkungen bewahrt,
darunter Arbeiten aus der Rheinischen Landesklinik Viersen (um 1900),
Holzskulpturen von Carl Genzel aus der Westfälischen Klinik für Psychiatrie
und Psychotherapie in Eickelborn bei Lippstadt (um 1920), die Sammlung
Petschner aus dem Psychiatrischen Krankenhaus Merxhausen in Bad Emstal
(1960-1980) sowie Werke von zeitgenössischen Patienten-Künstlern.
Dokumentation: Die Datenbank der inventarisierten und katalogisierten
Bestände ist im Aufbau. Eine nahezu vollständige Photothek kann auf
Anfrage eingesehen werden. Etwa 2/3 der Krankenakten konnten ermittelt
und in ihren wichtigsten Daten erfaßt werden (Zugang für wissenschaftliche
Zwecke).
Einführung
Auf der Suche nach authentischer Kunst entdeckte die 'Moderne' zu
Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts neben der 'primitiven Kunst' und
der Kinderzeichnung auch die 'Kunst der Geisteskranken'. Zur gleichen
Zeit begann unter Psychiatern eine rege Sammeltätigkeit bildnerischer
Werke von Patienten, wobei zumeist die Hoffnung auf diagnostische
Verwertbarkeit im Vordergrund stand.
Hans Prinzhorn (1886-1933), als Kunsthistoriker und Arzt mit beiden
Fachgebieten vertraut, gilt heute als Pionier einer interdisziplinären
Sichtweise. Ihn interessierten kulturanthropologische Fragen, etwa
nach dem Ursprung künstlerischer Gestaltung oder dem "schizophrenen
Weltgefühl" in der expressionistischen Kunst seiner Zeit, und er hoffte,
in den Werken der Patienten einen unverstellten, elementaren Zugang
zur Kunst zu finden. In den Nachkriegsjahren des Ersten Weltkriegs
baute er, von Karl Wilmanns, dem Leiter der Heidelberger Psychiatrischen
Klinik, unterstützt, eine einzigartige Sammlung von Werken aus psychiatrischen
Anstalten auf. Mit seinem reich illustrierten Buch Bildnerei der Geisteskranken
(Berlin 1922), in dem große Teile der Sammlung dokumentiert, interpretiert
und in kulturkritische Überlegungen eingebettet werden, verabschiedet
er endgültig die Frage nach einer diagnostischen Beweiskraft. Indem
er die psychologische Gleichwertigkeit aller gestalterischen Phänomene
betont und bestimmten Werken künstlerische Qualität zuerkennt, bewertet
er die verachtete "Irrenkunst" und damit auch ihre Schöpfer neu. In
dieser Öffnung einer fachspezifisch eingeengten, psychiatrischen Sichtweise
in kunstwissenschaftliche und künstlerische Bereiche hinein ist die
besondere Leistung Prinzhorns zu sehen. Es war ein mutiger Schritt,
der -langfristig gesehen- dazu beitrug, über eine angemessene Anerkennung
kreativer gestalterischer Leistungen der Patienten ihre gesellschaftliche
Reintegration zu fördern.
Künstler wie Alfred Kubin, Paul Klee, Max Ernst oder Pablo Picasso
liessen sich von den Patientenwerken faszinieren und inspirieren.
Psychopathologisch eingeweihte Künstler (Gorsen) wurden auch nach
dem zweiten Weltkrieg wurden zu wichtigen Transformatoren dieser Werke.
Zusammen mit weiteren Entdeckungen von Anstalts- und Außenseiterkunst,
von Dubuffet in den fünfziger Jahren zu Art Brut erklärt, geben sie
bis heute wichtige ästhetische Impulse. Inzwischen hat auch die Psychiatrie
weitgehend ihre Einstellung geändert. Es wird wieder gesammelt, doch
jetzt unter ästhetischen Gesichtspunkten. Künstlerische Therapien
haben sich in der modernen Psychiatrie etabliert.
Die Sammlung vereint Zeichnungen, Gemälde, Collagen, Textilien, Skulpturen
und eine Fülle unterschiedlicher Texte, die zwischen 1880 und 1920
in psychiatrischen Anstalten vorwiegend des deutschsprachigen Raums
entstanden sind. Die meisten der oft langjährig internierten Patienten
galten als schizophren. Die Werke spiegeln unterschiedliche soziale
Herkunft und Bildung ihrer Autoren. In ihnen zeigt sich, oft in fragmentierter
oder verfremdeter Form, Zeitgeschichte und ihre Ideologien, aber auch
das individuelle Leben vor der Erkrankung sowie die deformierende
Anstaltsinternierung.
Nur wenige Patienten besaßen eine professionelle künstlerische Ausbildung.
Oft waren sie aber über Schule oder berufliche Ausbildungen und Tätigkeiten
in Kunstgewerbe, Architektur, handwerklichen oder technischen Berufen
mit gestalterischer Praxis in Berührung gekommen. Der Umgang mit diesen
'Vorkenntnissen' ist unterschiedlich und reicht von der sorgfältigen
Reproduktion des Erlernten bis zur freien Variation oder vollständigen
Ablösung davon.
Ein kleinerer, aber bedeutender Teil der Sammlung fesselt durch Verwendung
eigenwilliger künstlerischer Mittel und ungewöhnliche, aber schlüssige
formale Lösungen, die einen eigenen Sinn bergen. Sie gehören in den
engeren Bereich der Kunst. Im ästhetischen Raum transportieren sie
ein Wissen um extreme menschliche Empfindungen und Erfahrungen häufig
vorsprachlicher Natur, wie sie in der Psychose durchlebt werden, und
deren Verarbeitung, den Wahn mit seinem spezifischen Sinnhorizont.
Die daraus resultierende, andere Weltsicht erscheint hermetisch, wobei
uns die Relativität unseres eigenen, von der Gesellschaft vorgegebenen
und getragenen Denkens meist nicht bewußt ist. So wird eine allgemein
menschliche Dimension erfahrbar, die in uns allen potentiell vorhanden
ist.
Bestände
Einführung
Ausgewählte Literatur
Ausgewählte Literatur
Surrealismus und Wahnsinn/ Surre, Ausstellungskatalog, hg.
von Thomas Röske u. Ingrid von Beyme, dt.-engl., Heidelberg 2009.
<in der Ausstellung: € 29,80>
Künstler in der Irre/Artists off the Rails, Ausstellungskatalog,
hg. von Thomas Röske u. Bettina Brand-Claussen, dt.-engl., Heidelberg
2008.
<in der Ausstellung: € 34,80>
Hans Prinzhorn, Bildnerei der Geisteskranken,
1. Aufl., Berlin 1922, 2. Aufl., Berlin 1923, 3. Aufl. Heidelberg/New
York 1968, 5. Aufl., Wien (Springer) 2001. <vergriffen>
Hans Prinzhorn, Artistry of the
mentally ill, ed. Eric von Brockdorff, 1. Aufl. 1972, 2. Aufl., New
York (Springer) 1995. <vergriffen>
Hans Prinzhorn, Expressions de
la folie. Dessins, peintures, sculptures d`asile, ed. Marielène
Weber, Paris (Gallimard) 1984. <vergriffen>
Die Prinzhorn-Sammlung. Bilder,
Skulpturen, Texte aus psychiatrischen Anstalten, ed. Hans Gercke und
Inge Jarchov (Jádi), Ausstellungskatalog Heidelberg, Kunstverein
u.a., Königstein/Ts. (Athenäum) 1980. <vergriffen>
"Leb wohl sagt mein Genie Ordugele
muß sein". Texte aus der Prinzhorn-Sammlung, ed. Inge Jádi,
Heidelberg (Wunderhorn) 1985. <€ 20,50>
Hans Prinzhorn und Arbeiten von Patienten
der Heidelberger Klinik aus der Prinzhornsammlung, Ausstellungskatalog
Heidelberg/Hemer, Heidelberg (Brausdruck) 1986. <vergriffen>
Oskar Panizza. Pour Gambetta,
Sämtliche in der Prinzhorn-Sammlung und im Landeskirchlichen
Archiv Nürnberg aufbewahrten Zeichnungen, ed. Armin Abmeier,
Michael Farin und Roland Hepp, München (edition belleville) 1989.
<€ 17,25>
Ferenc und Inge Jádi, Muzika.
Musikbezogene Werke von psychisch Kranken, Katalogbuch zur gleichnamigen
Ausstellung, Heidelberg (Wunderhorn) 1989. <19,40>
M. Tuchmann/C.F. Eliel (Eds.), Parallel
Visions. Modern Artists and Outsider Art, Ausstellungskatalog
Los Angeles, County Museum et al., 1992.
Franz Karl Bühler (Offenburg
1864-Grafeneck 1940). Bilder aus der Prinzhorn-Sammlung, Ausstellungskatalog
Offfenburg, Museum im Ritterhaus, 1994. <nur in der Sammlung erhältlich
€ 4,00>
Heinrich Anton Müller (1869-1930).
Katalog der Maschinen, Zeichnungen und Schriften, ed. Roman Kurzmeyer,
Ausstellungskatalog Bern, Kunstmuseum, und Lausanne, Collection de
l'Art Brut, Basel/Frankfurt a.M. (Stroemfeld) 1994. <€ 15,25>
Identità e Alterità.
Figure del corpo 1895/1995, Ausstellungskatalog Venezia, La Biennale
di Venezia, 46. Esposizione Internazionale d’Arte, 1995.
La Beauté Insensée.
Collection Prinzhorn - Université de Heidelberg 1890-1920,
Ausstellungskatalog Charleroi, Palais des Beaux-Arts, 1995. <vergriffen>
Die Wahnsinnige Schönheit.
Prinzhorn-Sammlung, Deutsche Übersetzung zur Ausstellung Heidelberg,
Schloß, Ottheinrichsbau, 1996. <vergriffen>
Beyond Reason. Art and Psychosis,
Works from the Prinzhorn Collection, Ausstellungskatalog London, Hayward
Gallery, 1996. <vergriffen>
Wahnsinnige Schönheit. Prinzhorn-Sammlung,
Ausstellungskatalog Osnabrück, Kulturhistorisches Museum, Heidelberg
(Wunderhorn) 1997. <vergriffen>
Thomas Röske, Der Arzt als Künstler.
Ästhetik und Psychotherapie bei Hans Prinzhorn (1886-1933), zugl.
Diss., Univ. Hamburg, Bielefeld (Aisthesis) 1995. <vergriffen>
Achim Tischer (Ed.), Die Macht der
hypnotischen Suggestion. Die Bremer Künstler der Prinzhorn-Sammlung,
Ausstellungskatalog Bremen, Krankenhaus-Museum Zentralkrankenhaus
Bremen Ost, 1996 <€ 12,50>, mit Beiträgen u.a. von:
Bettina Brand, Der zerknitterte
Hauptmann Gustav Röhrig (1858-1932), S. 15-30;
Inge Jádi, Die Prinzhorn-Sammlung,
S. 71-78.
Ferenc und Inge Jádi, Die Prinzhorn-Sammlung
der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg, in: Heidelberg,
Geschichte und Gestalt, ed. Elmar Mittler, Heidelberg 1996, S. 458-465.
<nur im Buchhandel>
Kunst & Wahn, ed. Ingried
Brugger u.a., Ausstellungskatalog Wien, Kunstforum, Köln 1997
<vergriffen>, mit Beiträgen
u.a. von:
Inge Jádi, Vergangenes gegenwärtig.
Anmerkungen zur Prinzhorn-Sammlung, S. 175-181;
Bettina Brand-Claussen, "KnochenWeltMuseumTheater".
Holzskulpturen von Karl Genzel aus der Prinzhorn-Sammlung, S. 219-239.
Figure Dell'anima. Arte irregolare
in Europa, Ausstellungskatalog Pavia, Castello Visconteo, und Genova,
Palazzo Ducale, Milano 1997, mit Beiträgen u.a. von:
Inge Jádi, Arte e terapia.
Spunti critici e riflessioni personali, S. 43-54;
Bettina Brand-Claussen, Dal Museo d'arte
patologica alla Collezione Prinzhorn, S. 66-91.
Sprachlöchersterne. Dichtung
und Wahrheit von Geisteskranken - Prinzhorn-Sammlung, gelesen von
Herbert Fritsch, CD, ed. Freunde der Prinzhorn-Sammlung e.V., Heidelberg
(Wunderhorn) 1998. <€ 18,50>
Inge Jádi, Im Bilde sein. Verschiedene
Rezeptionsformen von Werken der Prinzhorn-Sammlung, in: A. Borkenhagen
und O. Decker (Eds.), Texte aus dem Colloquium Psychoanalyse,
H. 4, Berlin 1999, S. 119-144.
Christoph Mundt / Gerrit Hohendorf / Maike Rotzoll (Hg.), Psychiatrische
Forschung und NS-"Euthanasie". Beiträge zu einer
Gedenkveranstaltung an der Psychiatrischen Universitätsklinik
Heidelberg, Heidelberg (Wunderhorn) 2001. <€ 29,65>
Vision und Revision einer Entdeckung. Hg. von Bettina Brand-Claussen
und Inge Jádi, Katalog zur Eröffnungsausstellung, Heidelberg,
Sammlung Prinzhorn 2001. <jetzt
€ 9,00 im Museumsshop>
Sammlung Prinzhorn - ein Museum der eigenen und anderen Art,
in: Vernissage, Die Zeitschrift zur Ausstellung, 9. Jg., 07/01.
<jetzt €
6,00 im Museumsshop>
Inge Jádi / Bettina Brand-Claussen (Hg.), August Natterer.
Die Beweiskraft der Bilder, Leben und Werk, Deutungen, Heidelberg,
Wunderhorn, 2001 (= Monographische Reihe der Sammlung Prinzhorn, Bd.
1) <€ 49,95>
Wahn Welt Bild. Die Sammlung Prinzhorn - Beiträge zur
Mueumseröffnung, hg. von Thomas Fuchs / Bettina Brand-Claussen
/ Christoph Mundt / Inge Jádi, Berlin u.a. (Springer) 2002.
(= Heidelberger Jahrbücher, 2002/XLVI) <jetzt
€ 10,00 im Museumsshop>
Ins Gesicht sehen. Christa Mayer, Fotografische Porträts
von LangzeitpatientInnen, seit 1982, hg. von Bettina Brand-Claussen
u. Thomas Röske, Ausstellungskatalog, Sammlung Prinzhorn, Heidelberg
2002. <€ 3,00>
Bd. 2: Anonyme Fotografien aus der Anstalt Weilmünster,
1905-1914. <vergriffen>
Sammlung Prinzhorn. Wunderhülsen & Willenskurven
- Bücher, Hefte und Kalendarien, Ausstellungskatalog Heidelberg/Jena
2002. <vergriffen>
Todesursache: Euthanasie. Verdeckte Morde in der NS-Zeit,
hg. von Bettina Brand-Claussen, Thomas Röske, Maike Rotzoll,
Ausstellungskatalog Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, Wunderhorn, 2002.
<€ 29,90>
antworten. Dorothee Rocke im Dialog mit Hyacinth von Wieser,
Ausstellungskatalog Sammlung Prinzhorn, Heidelberg 2003.
<€ 8,00>
Expressionismus und Wahnsinn, hg. von Herwig Guratzsch, bearb.
von Thomas Röske, Ausstellungskatalog Schleswig, Schloss Gottorf,
München/Berlin/London/New York 2003.
<vergriffen>
Irre ist weiblich. Künstlerische Interventionen von Frauen
in der Psychiatrie um 1900, hg. von Bettina Brand-Claussen und Viola
Michely, Ausstellungskatalog Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, Wunderhorn,
(2004), 2. Auflage 2009.
<€ 34,80>
Rausch im Bild - Bilderrausch. Drogen als Medien von Kunst
in den 70er Jahren, ed. by Henrik Jungarberle & Thomas Röske,
Ausstellungskatalog Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, 2004.
<€ 12,00, nur im Museumsshop erhältlich!>
In Persern Büchern steht's geschrieben. Jörg Ahrnt
- im zeichnerischen Dialog mit Ludwig Wilde, Ausstellungskatalog Kunstverein
Göttingen/Museum für Angewandte Kunst Frankfurt/Sammlung
Prinzhorn Heidelberg, Leipzig 2004.
<€ 15,00>
wahnsinn sammeln/collecting madness. Outsider Art aus der
Sammlung Dammann, Ausstellungskatalog, hg. von Thomas Röske, Bettina
Brand-Claussen, Gerhard Dammann, dt.-engl., Heidelberg 2006.
<€ 29,90>
AIR LOOM - Der Luft-Webstuhl und andere gefährliche Beeinflussungsapparate/The
Air Loom and other dangerous influencing machines, Ausstellungskatalog,
hg. von Thomas Röske u. Bettina Brand-Claussen, dt.-engl., Heidelberg
2006.
<€ 29,90>
letzte Änderung: Carl Blesius,
2010-03-18